Fiannageschichten: Zahlt den Preis (Ragabash)

Text: Echo of the Past


„Bitte! Bitte. Ich bin kein Galliarde, doch auch ich möchte eine Geschichte erzählen. Es ist ein Jahr und einen Tag her, und es ist an der Zeit, zu wiederholen, was die ersten schon vergessen haben und andere noch nie hörten. Eine Geschichte über den Heldenmut eines Welpen, der mit seinem Leben für die Sicherheit eines Caerns zahlte.

Vor einem Jahr und einem Tag war es, und es war ein Tag wie heute: grau und wolkig, das Gras nass von Nebel und Tau. Das Feuer brannte, und alle waren versammelt. Der Meister des Geheuls hatte alle gerufen, und alle waren gekommen. In ihrer Mitte standen zwei Welpen, die auf ihren ersten Ritus geschickt werden sollten.
Sie waren fast gleich alt und gleich geschickt, aber ansonsten ganz verschieden: der eine ein Ragabash der Fianna, fast immer gut gelaunt und bekannt für seine Scherze, doch auch für sein Temperament, die andere eine Philodox der Stillen Wanderer, verschlossen und schweigsam, lieber zuhörte und ruhig blieb. Diese beiden wurden ausgeschickt, zu welchem Ziel, weiß ich nicht.
Was ich weiß, ist, was ihnen geschah.
Sie folgten dem vorbestimmten Weg durch den Wald, als sie spürten, dass etwas falsch war. Sie lauschten und folgten der seltsamen Spur bis zu einem Abhang. Verborgen zwischen den Blättern der Büsche spähten sie hinab, und erschraken: Ein Rudel Tänzer schändete den Wald mit ihrer Anwesenheit, und wie sie starr vor Schreck dort noch saßen und lauschten, begriffen sie, dass dieses Rudel auf dem Weg zum Caern war!
Die Welpen wussten, dass sie etwas tun mussten – dieses Rudel Tänzer war bestimmt nicht ihr Gegner für den ersten Ritus. Doch noch während sie mit fliegenden Gedanken überlegten, was sie tun sollten, sahen die Tänzer auf, in ihre Richtung, dort, wo sie verborgen saßen – sie waren entdeckt!
„Lauf!“, flüsterte da der junge Ragabash hastig und sprang auf. Seine Gefährtin hielt ihn fest, doch er schüttelte sie ab: „Du bist schneller als ich, leiser, und zäher! Lauf zum Caern und warn die anderen!“
„Was ist mit dir ?!“, zischte sie. „Wenn sie dich kriegen…“
„Sie kriegen mich nicht“, log er sie an. „Und wenn, dann bist du schnell genug wieder da, um mich da rauszuholen! Der Caern geht vor, jetzt LAUF!“
Und mit diesem letzten Wort sprang er hoch, machte einen weiten Satz aus dem Gebüsch und landete in vielen Metern Entfernung. Die Tänzer, die ihn sahen, verfolgten ihn sofort. Schon hetzte die ganze Meute an dem Gebüsch vorbei, wo die junge stille Wanderin lag und zu Gaia betete, sie mögen sie nicht hören und nicht riechen. Sie hörte das Brechen von Ästen und das Knurren aus einem Dutzend verkommener Kehlen, und ihr wurde fast übel von dem Gestank des Wyrms und der Sorge um ihren Gefährten. Doch sie wusste, dass sie ihm jetzt nicht mehr helfen konnte. So zählte sie stumm herunter, zitternd vor Anspannung, bis die Tänzer endlich weit genug fort waren. Dann sprang auch sie aus dem Gebüsch und hetzte zum Caern, so schnell ihre schwarzen Pfoten sie trugen. Doch auch sie blieb nicht unentdeckt. Kurz vor dem Ziel lief sie in zwei Späher der Tänzer. Kugeln flogen um ihre Ohren, und schon hetzten die Tänzer ihr nach. Doch sie ignorierte den Schmerz und lief mit aller Kraft, die Eule ihrem Stamm gegeben hatte, bis sie am Caern eintraf. Hier erst überwältigte die Pein sie, und sie brach zusammen, doch sie konnte noch von der Gefahr berichten, ehe die Ohnmacht sie mitriss. Schon waren die Heiler bei ihr, die ihre Wunden versorgten, schon rief der Wächter den Alarm aus, schon war das Rudel des Wyrmfeindes zur Stelle und preschte in den Wald, um sich den Tänzern entgegen zu werfen und den Welpen zu retten.
Als sie zurückkamen, war es dunkel, und sie trugen die Leiche des Welpen auf den Armen.
Die Tänzer hatten ihn gefangen und gefoltert, ehe sie ihn ermordeten. Sie hatten seine Leiche geschändet, und hatten noch nach seinem Tod versucht, von ihm alles über den Caern zu erfahren, doch er hatte geschwiegen, wissend, dass er sterben würde.

Dieser Abend war ein trauriger. Doch der Ritus war begonnen worden und wurde beendet. So erhielt die trauernde Philodoxwelpe ihren Rang und ihren Namen. Die Tat des gefallenen Welpen und sein Mut wurden jedoch nicht vergessen, und so wurden auch ihm für seine selbstlose Entscheidung und seinen ehrenvollen Tod der Rang und sein Name gegeben, und die Trauernden heulten ihn hinaus in die Nacht, auf dass die Geister lauschten: ‚Zahlt den Preis‘, Ragabash der Fianna im Range eines Cliath, gestorben am Tag seiner Geburt vor den Geistern, der den Wert der Litanei höher schätzte als sein eigenes Leben.“

Schweigen senkte sich über das Feuer, als das Geheul der Philodox endete. Niemand hielt sie auf, als „Bittere Kunde“ ihre Sachen nahm und ging.


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