Weil das Feuer Geschichten liebt

Text: Echo of the Past


Es geschah einst, als der Schleier noch nicht die Garou von den Menschen trennte, und ehe die Pakte zwischen Geistern und Garou geschlossen waren.

Es war ein ewiger Winter in der Welt. Viele Leiber hoch lag der Schnee, und es war bitterkalt. Hart pfiff der Wind über die Ebenen, und nichts konnte sich ihm erwehren. Keine Pflanze konnte das Eis überleben, und die Strahlen der Sonne waren so schwach und blass, dass es immerwährendes Zwielicht war. Durch diese Kälte zog ein Garou, und in seinen Armen trug er ein Menschenkind.
Es konnte schon lange nicht mehr laufen, zu schwach und zu erschöpft war es, und seine Finger und Füße wurden schon blau. Der Garou hatte es in seine Arme geschlossen, zu voller Kriegsgestalt aufgerichtet, und barg es im Fell seines Leibes, um es vor der Kälte zu schützen.

Doch es wurde Abend, und kälter.
Die fahle Sonne sank, und mit ihr wurde die Dämmerung zu tödlicher Nacht. Nicht einmal dir Sterne schienen, und grausam heulte der Wind.
Als das Kind noch schwächer wurde, fand der Garou einen Felsvorsprung, und ein wenig Moos wuchs daran. Der Garou ließ sich nieder und rückte das Kind zurecht, so dass es vor dem schneidenden Wind geschützt wäre. Doch es nützte nichts, und das Kind zitterte immer mehr.

Da rief der Garou die Geister, die Geister der Sonne, die Geister der Wärme, des Sommers, doch keiner von ihnen antwortete ihm. Nur der Geist des Feuers flackerte kurz auf.
Der Garou griff das Moos, das dort wuchs, und versuchte ein Feuer zu entfachen. Und tatsächlich, kurz loderte die kleine Flamme an dem bisschen Grün auf. Das Kind seufzte leise.
Doch schon bald erstarben die Flammen wieder. Kleiner und kleiner wurden sie, und immer winziger, bis sie fast nicht mehr zu sehen waren.

Das Kind hatte aufgehört zu zittern, und der Garou sah es mit Schrecken: Er wusste, dass der Körper des Menschenkindes aufgegeben hatte. Verzweifelt versuchte er Leben in die kleinen Gliedmaßen zu reiben, das Kind in seinem Fell zu wärmen. Noch einmal rief er alle Geister an. Nur der Feuergeist knisterte leise.
„Feuer, hilf mir!“, rief der Garou. „Das Menschenkind stirbt!“
Was soll ich machen, sprach das Feuer gelangweilt. Flammen entzünden sich, Flammen erlischen, das ist der Lauf der Welt, und ich kann dir nicht helfen, wenn da nichts ist, das brennen kann.
„Aber ohne Feuer wird er erfrieren!“
Das ist der Lauf der Welt. Etwas muss verbrennen, wenn das Feuer leben soll. Flammen müssen Nahrung finden, Garou.
Und das Feuer erstarb.
Das Menschenkind, das dem Grollen und Knurren mit müden Ohren gelauscht hatte, sah zum Garou auf. „Ich werde sterben, oder?“, fragte es.
Der Garou konnte nichts sagen. Selbst sein Lächeln erstarb.
„Wenn ich sterbe, werde ich dann alle wiedersehen, die vor mir gegangen sind?“, fragte das Kind weiter.
Der Garou blickte zum Himmel auf und suchte nach Worten. „Ja“, sagte er dann schließlich. „Wenn wir sterben, stirbt nur ein Teil von uns. Nur der Körper. Alles andere – deine Gedanken, dein Wesen, deine Seele – all das lebt fort. Es ist eine wunderschöne Welt, wo Luna mit Helios tanzt. Wo die Bäche klar und voller Fisch sind, die Bäume grün und rot und Gold zugleich. Dorthin gehen alle, die von uns gehen. Und du wirst sie alle wiedersehen. Du wirst glücklich sein.“
Das Menschenkind lächelte. „Dann habe ich keine Angst. Es ist wie schlafen gehen.“
Dem Garou brach es das Herz. Doch er lächelte. Und Tränen stiegen in seine Augen, als das Kind die Hand in seine Pranke legte, und die Augen schloss und leise bat: „Erzählst du mir eine Geschichte?“

Da begann der Garou zu erzählen, von den Heldentaten der Menschen, der Garou und der Pracht Gaias. Von allen Wundern der Welt und der anderen, von allen Farben und Düften, die das Eis eingeschlossen hatte und die das Kind nicht kannte. Geschichte um Geschichte wob der Garou, eine nach der anderen.
Er suchte nach einer anderen, da hörte er das Kind einen Atemzug nehmen. Und danach keinen mehr. Verzweifelt rieb er die Gliedmaßen, drückte das Kind, rief es bei seinem Namen, doch es regte sich nicht mehr. Da hob er den Kopf zum Himmel und ein Geheul kam über seine Lefzen – da hörte er die Stimme des Feuergeistes.

Warum hörst du auf? Es war doch gerade so spannend.
„Das Kind ist tot. Es gibt niemanden mehr, der lauscht.“
Ich lausche.
„Du hast dem Kind nicht geholfen. Weshalb sollte ich dir nun helfen?“
Da brannte mit einem Mal neben dem Garou ein Feuer, heiß wie die Sonne.
„Ich dachte, du brauchst etwas, von dem du zehren kannst?“, fragte der Garou.
Ich zehre von den Geschichten, antwortete das Feuer.
Der Garou erstarrte, dann rieb er das Kind und rief es und bewegte jedes Glied am kleinen Leib, bis das Menschenkind die Augen aufmachte.

Der Feuergeist aber tanzte neben den beiden, lichterloh brennend.
Und nun erzähl weiter, drängte er den Garou.
Und so erzählte der Garou weiter, die ganze finstre Nacht hindurch, und der Feuergeist brannte und zehrte vom Feuer, das in Geschichten schläft.
Und noch heute erzählen wir unsere Geschichten am Feuer, denn in dieser Nacht wurde ein Pakt geschlossen, und die alten Pakte ruhen nicht.


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