Fiannageschichten: Eibenlaub (Theurge)

Text: Echo of the Past


Niemand erinnert sich mehr, wann Eibenlaub geboren wurde, wessen Tochter sie war oder welchen menschlichen Namen sie trug. Niemand erinnert sich mehr, aus welcher Grafschaft sie stammt oder wem sie diente. Man erinnert sich nur noch ihrer Schönheit, und manche erinnern sich ihrer Geschichte. Einer Geschichte, wie sie wispernd erzählt wird in den Brachmondnächten, wenn der Mond rot über dem Horizont steht und die Nacht in kalte Flammen setzt. Wenn die Stoppeln auf den Feldern sich wie tote Hände zum Himmel recken, und kein Wind über die Ebenen geht.

Es ist lange und länger her, darin sind sich die Galliarden einig, dass Eibenlaub geboren wurde. Manche sprechen von der Zeit des Impergiums, manche sagen, sie erlebte seinen Beginn, manche, sie habe seinen Niedergang gesehen. Eibenlaub war Seherin der Fianna, geboren unter einem Sichelmond so scharf wie später ihr Verstand, so weiß wie ihre Haut, in einer Nacht so seidig schwarz wie ihr Haar, das so glatt war wie ein windloser See. Man sagt, ehrenhafte Garou hätten nach ihrem Anblick den Tod in der Schlacht gesucht, weil dies der einzige Weg war, ihr Herz von der Sehnsucht nach ihr zu befreien.

Eibenlaub selbst jedoch liebte nur die Welt hinter der Welt, die Umbra und all ihre Reiche. Die Geister von Zorn und Schmerz waren ihr ebenso vertraut wie die Geister von Liebe und Gnade, und mit jedem sprach sie und jeden konnte sie versöhnen und zu einem Handel bewegen. Sie sang zu ihnen oder feilschte, focht mit ihnen oder schwieg wartend, wenn es der Geist verlangte. Sie war Heilerin der Geister wie der Welten, und die Kunde von ihrem Können drang durch die Welt. Sie jedoch sollte es nicht kümmern, solange sie nur in der Umbra sein konnte.
Eines Nachts aber begann sie zu träumen. Sie träumte von fernen Plätzen, von Welten, die sie noch nie bereist hatte. So schön waren diese Welten, dass selbst die Umbra schal und leer schien. Nacht um Nacht träumte sie und verzehrte sich so sehr nach diesen Orten, dass sie vor Kummer aufhörte zu essen. Jeden Galliarden, jeden Seher, jeden Weisen der Blutgeschwister ließ sie kommen, um sich berichten zu lassen, wovon sie träumte.

Einhundertfünzig Tage vergingen, da kam endlich ein Kind zu ihr, ein kleiner sommersprossiger Knabe mit Haar wie Flammen, der sich als ihr Vetter vorstellte. Eibenlaub war klug, und sie erkannte ihn als einen des schönen Volkes. Da begriff sie, dass ihre Nachtbilder das Land der Träumenden zeigten, der Feen, die ihrem Blut verwandt waren. Sie flehte, sie bat, sie bettelte, sie drohte, er möge ihr den Weg dorthin zeigen – sie müsse es sehen, oder sterben. Der Knabe sprach sehr erwachsen von den Gefahren, die ihr drohten, von der Weite der Reise und von den Hindernissen, doch Eibenlaub war entbrannt.
Also versprach er, sie zu lehren, was sie wissen musste, um in dieses Land zu gelangen. Dafür solle sie ihm etwas schenken, was noch nie einem anderen geschenkt worden war.

Sie löste sein Rätsel, und er hielt Wort. Drei mal drei mal drei Tage und Nächte lang lehrte er sie, und am Abend des letzten Tages verschwand er ohne ein Wort. Eibenlaub nahm ihren Stab und ging, und ihre Reise war lang und beschwerlich, doch letztlich erreichte sie ihr Ziel.
So schön war diese Welt, die wahre Welt der Träumenden, dass sie sich nicht sattsehen konnte daran. Wie die Jahreszeiten verflogen die Anblicke, die sich ihr boten, einer schöner und fremder als der vorherige, mit Höfen und Palästen des Schönen Volkes, die feierten und sangen und lachten und fröhlich waren. Und als wäre sie immer eine der ihren gewesen, nahmen sie ihre Base in ihre Mitte und ließen sie teilhaben an ihren Speisen und an allen Festen. Auf jede Burg und in jeden Palast wurde sie eingeladen, hörte Lieder von vollkommener Schönheit und sah Tapferkeit ohne jeden Makel, Handwerk, das Perfektion gefunden hatte und Schönheit überall. So genoss sie den Frühling, und erhaschte einen Ausblick auf den Winter, sorgenvoll und kalt, um in den Sommer zu tanzen. An der Grenze zum Sommer jedoch war das Land des Herbstes, dort, wo die Blätter sich in sattes Gold wandelten, wo taubenetzte Spinnenweben im Frühnebel funkelten wie Diamanten und Stürme in den Wipfeln spielten. Gerade als sie den schlanken Fuß hinübersetzen wollte, um dieses Land zu erkunden, ergriff jemand ihre Hand.
„Schönste“, sagte er mit sanfter Stimme, „betretet nicht dieses Land. Es bringt Euch nur Kummer und Leid, und zu schön sind Eure Augen, als dass sie solchen Schmerz kennen sollten.“ Eibenlaub wandte sich um, doch schon war der Fremde verschwunden. Da hörte sie auch schon das Lachen des Frühlings, und sie vergaß den Herbst und kehrte zurück an den Hof der Feen, die ihr alles kredenzten, was ihr Herz begehrte.

Bald aber kam die Zeit, da sie sich nach dem neuen Land sehnte, dem Reich des Herbstes, und so stahl sie sich davon. Die Sonne versank gerade und seidig legte sich das rote Tuch der Nacht über den Himmel, als sie den Fuß ausstreckte, um über die Grenze zu schreiten, da hielt sie wieder jemand fest.
„Teuerste“, sagte er mit sanfter, fester Stimme, „betretet nicht dieses Land. Es birgt nur Gefahr und Angst für Euch, und zu schön sind Eure Augen, als dass sie solche Furcht kennen sollten.“ Doch als Eibenlaub sich umwandte, war er wieder fort, und wieder betrat sie nicht das Land des Herbstes, sondern kehrte zurück.

Eines Nachts aber überkam sie unstillbare Sehnsucht nach dem Land, und sie verließ ihr Schlafgemach. Im Morgengrauen ging sie zur Grenze des Landes, und wie sie den Fuß ausstreckte, da spürte sie die Hand, die sie zurückhielt. „Liebste“, sagte der Fremde bedrückt, „betretet nicht dieses Land. Ihr werdet Euch verlieren, wenn Ihr dorthin geht und dort verweilt, und niemals werdet Ihr mehr zurückkehren.“
„Dann werdet Ihr mit mir kommen, edler Herr“, antwortete sie ihm, und als sie sich umdrehte, da konnte er ihr nicht entkommen, denn sie hatte ihren Arm mit Feenhonig bestrichen, und so fest klebten seine Finger, dass er sie nicht von ihr lösen konnte. Wie sie sich aber umwandte, stand vor ihr der edelste Ritter, den ein sterbliches Auge je erblickt hatte, mit einer Rüstung feind wie Spinnenweben und doch vollendetes Handwerk, so stark, dass kein Troll es hätte zerreißen können, und an seiner Seite ein prachtvolles Schwert. „Wenn dies Euer Wunsch ist, Geliebte, dann werde ich Euer ergebenster Diener sein“, schwor er ihr. Sie aber befreite ihn von dem Honig, indem sie Finger um Finger freiküsste, und als er vor ihr auf das Knie fiel, nahm sie ihm keinen Eid ab, sondern bat um sein Geleit. Auch sagte sie ihm, dass sie ihm folgen würde, wenn er sie bitten würde, mit an den Hof des Frühlings zurückzukehren, so sehr war sie ihm in Liebe verfallen.
Und er bat sie darum, niemals den Wald des Herbstes zu betreten, und sie versprach es ihm. Sie blieben im Land des Frühlings, und dort lebten sie glücklich, und sie schenkte ihm ihr Herz, wie er ihr das seine schenkte.

Doch eines Tages, als Eibenlaub im Wald spazieren ging, sah sie ein Kind verletzt liegen. Sie rannte zu ihm und kniete bei ihm nieder, da hörte sie das Laub rascheln und niedergehen, und es fiel wie sanfter Goldregen auf sie herab. Das Kind in ihren Armen aber verdorrte zu einem Leichnam, und Raben stiegen lachend von den kahlen Bäumen auf. Da bekam sie es mit der Angst zu tun und wollte das Reich des Herbstes schnell wieder verlassen, doch Wächter hatten sich um sie geschart. Wortlos ergriffen sie sie und schleppten sie davon, tief in den Wald hinein und über brache Felder, bis hinunter zu einem prachtvollen Palast am Rande einer Klippe. So tief war die Schlucht, dass Wolken ihren Abgrund verbargen, als Eibenlaub daran vorbeigeführt wurde.

In diesem Palast aber saß eine Königin, prachtvoll wie all ihre Schwestern, doch in ein Gewand aus schwarz und rot gekleidet, rot wie Blut und schaler Wein zugleich, und rot wie der Rost verstorbener Klingen. Zu ihrer rechten kniete ein Ritter, noch feiner und edler als ihr Gatte, und zu ihren Füßen und im ganzen Palast waren Hofdamen, eine schöner als die andere, manche verborgen in den Schatten, manche funkelnd im Glanz ihrer Herrin. Die Königin aber war gestreng, und ihre Stimme war wie Silber und kaltes Eisen, und unter ihrem Fuß kniete ein zweiter Ritter, und das war ihr Gemahl. Als Eibenlaub aber zu ihm eilen wollte, da waren ihre Füße im Stein des Bodens verschmolzen, miteinander verwachsen wie ein Baumstamm, und ihre Zehen waren zu Wurzeln geworden und ihre Hände zu grünem, weichen Nadeln. Die Königin aber würdigte sie keines Blickes, sondern sprach: „So kehrst du also zurück zu mir, mein Sommerritter, du, der du mich schützen solltest. Mein Wachhund, mein Bluthund, und er wird untreu wegen einer läufigen Wölfin. Doch ich dulde keine Wölfe in meinem Wald, wenn sie mir keinen Spaß bereiten.“ Und sie zwang ihn, zu ihr zu sehen, und sie gab ein Geheiß, Eibenlaub in ein Halsband und eine schwere Kette aus Silber zu legen, das auf ihrer Haut brannte, doch sie konnte sich nicht rühren. „Wir wollen die Hunde ihre Witterung aufnehmen lassen“, verkündete sie. Da löste sich der Zauber auf ihrem Körper, und die Bediensteten packten sie und unter Johlen und Gelächter zerrten sie sie hinaus. Sie zerrissen ihre Kleider und warfen sie in die Schlucht, und stürzten sie selbst hinterher. Ihr Geliebter rannte ihr nach und wollte sie hochziehen, da wurde er zu Stein und musste als Wasserspeier hinunterschauen und zusehen, wie seine Gefährtin dort hin, mit nichts als einem Halsband von Silber am Hals, an dessen Kette sie baumelte.

Die Feen des Hofes aber feierten und lachten, und als es Nacht wurde, zogen sie EIbenlaub herauf und taten ihr Gewalt an, nur um sie bei Sonnenaufgang wieder hinunterzuwerfen. Drei Tage und drei Nächte ging das so, ehe die Königin sie beide holen ließ. „Meine Hunde haben deine Fährte, Wolf“, verkündete sie, „und jetzt sollen sie jagen. Aber wenn ihr möchtet, kannst du auch hier sterben, schmerzlos und schnell, und dein Geliebter wird deinen Platz einnehmen. Ein Wort von euch genügt, und es geschieht.“ Sie lächelte, als sie es sagte, und Eibenlaub sah die Bosheit in ihren Augen. Sie sah zu ihrem Geliebten und wusste, dass er für sie sterben würde, doch sein Lippen waren zusammengeschmolzen wie Wachs in der Flamme, so dass er kein Wort herausbringen konnte. Doch in seinen Augen erkannte sie, dass er für sie sterben wollte; doch ebenso wollte sie für ihn sterben und ihn nicht den Hunden überlassen, die ihn zerreißen würden.
„Tötet mich“, sagte sie da, fest und entschlossen. „Tötet mich, und lasst ihn leben.“

Die Königin lachte, ein furchtbarer und grausamer Laut, so schön und verdorben war es zugleich. „Dann werde ich dir deinen Wunsch erfüllen. Dann werde ich dich töten“, sagte sie. „Aber ich habe nie gesagt, dass ich ihn verschone, Kind.“ Und mit diesem Wort griff sie nach Eibenlaub und riss ihr das Herz aus dem Leib.
Furchtbarer Schmerz überkam sie, und sie fiel zu Boden, doch ihre Pein war keine des Körpers. „Was ist das?!“, rief die Feenkönigin, und warf das blau blutende Herz zu Boden. Sie wandte sich um, doch Eibenlaubs Geliebter lag tot auf dem Steinboden und regte sich nicht mehr. Wutentbrannt zerquetschte sie das Herz unter ihrem schlanken Fuß und verfluchte ihren Sommerritter, der es gewagt hatte, sein Herz einer anderen zu schenken.
Da packte die Königin Eibenlaub und riss sie hoch. „Du trugst das Herz eines Fee in dir“, zischte sie, „doch das Herz eines Fianna liegt zertreten dort am Boden. Das soll dein Fluch sein, die Strafe für deine Tat!“ Und sie sprach es und hieß ihre Wachen, Eibenlaub fortzubringen, weit fort hinter die Grenzen des Reiches.

Tatsächlich kehrte Eibenlaub in die Umbra zurück.
Tagelang brannten Tränen hinter ihren Augen, doch sie wollten nicht herauskommen. Tagelang wollte sie weinen, doch sie konnte nicht. Dann versiegten die Tränen und die Trauer, wie auch der Zorn, der Schmerz, die Angst und die Furcht. Und keine Freude kam hinzu, kein Glück, keine Dankbarkeit. Nur die Erinnerung an all diese Gefühle blieb.
So verstrichen die Jahre und die Jahrzehnte, doch auch als Eibenlaub in das Tellurische zurückkehrte und sich umsah, verging die Zeit ohne Spuren an ihr zu hinterlassen. Während alles starb, alterte sie nicht, und während alle Fianna die Freunden und das Leid kannten, empfand sie nichts davon.
Zeitalter starben, doch sie lebte weiter.

Sie durchstreifte die Welten, und das tut sie noch heute, dort erscheinend, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Niemand erinnert sich mehr ihres Namens, ihrer Geburt oder ihrer Familie, und die wenigsten kennen ihren Namen.
Doch wenn du einst eine Frau trifft, schön wie der Tag und mit Haar wie die Nacht und die Weisheit der Ewigkeit in ihren Augen, dann erinnere dich des Namens Eibenlaub und sie wird sich dir nicht verwehren.


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