Blutsteine

(frei nach einer Geschichte von Deborah M. Vogel)


Heute will ich euch eine Geschichte über Macht und eine ganz besondere Rache erzählen. Tänzerin-der-Zeit, eine Skalde, lebte vor etwa fünf Generationen. Sie hatte in ihrem Leben, welches für einen Garou ungewöhnlich lang war, denn zum Zeitpunkt als sich diese Geschichte zutrug hatte sie die Jahreszeiten bereits fünfzig Mal wechseln sehen, viel Wissen und auch Macht angesammelt. Doch wie es nun mal ist in dieser Welt, die Weisen und Mächtigen werden nicht nur verehrt sondern auch beneidet und es gibt immer ruchlose Herzen, die danach streben, diese Macht für sich zu gewinnen. So auch in dieser Geschichte.
Trotz all ihrer Kenntnisse, war Tänzerin-der-Zeit nicht gefeit, als ein Hexenmeister, sie mit einem Geas belegte und ihr einen Teil ihrer Seele raubte. Nun wollte der Mensch aber nicht, wie man glauben könnte, ein zahmes „Schoßhündchen“ oder etwas Derartiges. Ihn gelüstete es nach einem Fetisch, dessen genaue Erstellung heute vergessen scheint und selbst damals nur den Mächtigsten unserer Art geläufig war. So begab es sich, dass Tänzerin-der-Zeit in der nächsten Vollmondnacht ein Feuer entzündete und mit dem Ritus der Erstellung begann. Sie tanzte die alten, rituellen Schritte und nach und nach fielen Tropfen ihres mächtigen Blutes in den Sand um die Feuerstelle. Und die Gier des Mannes wuchs. Als die Nacht die dunkelste Stunde erreichte lagen sechs Blutstropfen in einer Reihe im Sand. Der Tanz kam zum Ende und sie sang das Lied der Schöpfung und des Todes. Der Morgen graute. Der Mann war durchgefroren und ungeduldig, doch er wagte nicht den Ritus zu stören. Sie sprach: „Macht“ und nannte dann den Namen des Mannes, und der erste Tropfen wurde ein roter, schimmernder Stein, den sie in einen Beutel aus rot gefärbtem Leder legte. Sie sprach: „Frau“ und nannte den Namen. Und der zweite Stein verschwand im Beutel. Beim Dritten sprach sie: „Reichtum“, beim Vierten: „Stärke“, beim Fünften: „Treue“. Beim sechsten Stein aber sprach sie den Namen des Mannes zweimal, bevor sie ihn in den Beutel legte, und diesen verschloss. Mit der rechten Hand bot sie ihm den Fetisch während sie die andere fordernd mit der Handfläche nach oben dem Mann entgegenstreckt. Der Tausch verlief glatt, der Beutel gegen einen violett glühenden Stein, der kaum hatte er ihre Haut berührt mit ihr verschmolz und das Feuer des Lebens in ihrer Brust neu entfachte. Der Mann wandte sich zum gehen.
„Moment, ich muss dir etwas Wichtiges sagen!“ sprach Tänzerin-der-Zeit mit einem leichten Lächeln, denn das Gefühl des Lebens machte sie glücklich. Der Mann sprach ungeduldig: „Was gibt es noch altes Weib! Außer, dass ich mit diesen Steinen den Thron des Kaisers erlange, ihm sein Leben und seine Gattin nehme, und über die Treue seiner Männer gebieten kann?“
Er lachte laut, ein unheimliches, unpassendes Geräusch in der Stille des Morgengrauens.
„Und der Narr kann mich nicht daran hindern, die Rache ist mein!“
„Es ist wie du sagst, doch vergiss eines nicht, Mann, wenn du die Macht des sechsten Steins anrufst, wird er sich gegen dich wenden und dein Leben qualvoll beenden.“
Der Hexer schnaubte verächtlich: „Nun, dann werde ich den Sechsten einfach nicht benutzen und werde sicher sein.“
Tänzerin-der-Zeit verschwand vor seinen Augen in den Schatten des Waldes, doch ihr Gelächter hing noch lange in den Bäumen.
„Dann sag mir noch eines, Mensch: Welches ist der sechste Stein?“

erzählt von
Katherine
Welpe der Nachfahren des Fenris
Geboren unter dem Galliardenmond






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