Alte Weisheit

Der Schrei beginnt in der Ferne, die Mütter in ihren Betten weckend. Die Nebel des Moores schimmern im Licht des vollen Mondes, und um eben jenen herum glimmt ein Ring aus reinem Silber während die Luft immer kälter wird. Es gibt Gründe warum die Menschen die Nacht fürchten, und in Abwesenheit der Sonne sind es diese die nach ihnen rufen.

Als eine leichte Windböe über das Dorf Kil na Kor, den Zirkels der Quelle, zieht, taumeln Männer schlaftrunken aus ihren Betten. Funken werden geschlagen, Fackeln entzündet, und Kochfeuer von der Glut zum Leben erweckt. Die Bewohner des Dorfes eilen still ihren Pflichten nach, legen Waffen an, verbergen die Kinder, und achten auf den nahen Hügelkuppen nach Zeichen eines Angriffes.
Ja, sie sind ein hartes Volk, die Leute des Zirkles, und sie hüten einen heiligen Ort: den Silberne Quelle des Mondes End, ein quasi Untertan des Mile-Deep Loch. Vor langer Zeit, so erzählt man sich, wurden diese Krieger mit ihrem Schutze beauftragt. Und bis zu dieser Nacht haben sie ihren Schwur gehalten... aber Schwüre sind so vergänglich wenn die Nacht Zähne bekommt.

Elyr MaCullogh taumelt wegen des Gewichtes ihres kindstragenden Bauchs. Ihr neues Gatte Fiorr küsst sie, wärmend, als er sie dann aus ihrer Hütte scheucht. Barer Haut in dieser kalten Nacht bemalt er sich selbst mit Woad. Blaue Linien ziehen seltsame Kreise, Spiralen und Zeichen über seine Brust und seine Arme während warmer Atem vor seinem Mund vergeht. Die Hütte verlassend blickt Elyr zurück zu ihrem Mann. Als jener den letzten Rest der Kriegsfarbe aufträgt spürt er ihre Lippen auf den seinen. Sie halten einander fest... und dann trennen sie sich... für immer.

Wo sind die Wölfe? wundert sie sich. Sie können zum Glück nicht weit entfernt sein.

Über den nebeligen Hügeln erheben sich die Angreifer. Kalter Dunst weicht Geister, dunkelen Schemen, und leuchtenden Alpträumen. Fomoraigh, so nennen die Leute die, neiderfüllte Halbgeister, durch Korrumption verdreht. In fast vergessener Zeit erhoben sich diese Wesen von unterhalb den Wellen, und krallten sich ihren Weg aus den tiefsten Löchern; und nach geraumer Zeit hatten sie Menschen gebrochen, zu Sklaven und Dienern ihres abartigen Willens. Seit diesen ersten Nächten haben sie den Leuten des Kreises Probleme bereit. Aber eben in dieser heutigen Nacht versammeln sich sich in reiner Masse.

Und sie sind nicht alleine.

Wo sind die Wölfe? betet Elyr fast als sie wie ein Schatten durch das Dorf gleitet. Überall um sie herum tanzen Feuer, und bemalte Männer singen. So manche Frau gesellt sich zu ihnen, ihre Schlafgewänder ablegend um barer Haut und bewaffnet neben den Männern zu stehen. Aber Elyr ist zu schwanger um zu kämpfen... ja, in der Vergangenheit hat sie Speer und Klinge an der Seite ihres Clanns erhoben, aber in dieser Nacht scheint verbergen weiser als kämpfen.

Im Zentrum des des Dorfes steht ein alter Mann, fast gänzlich tättowiert, und hebt einen abgetrennten Kopf schreiend in Richtung des nächtlichen Himmels. In Leim eingelegt um bewahrt zu bleiben ist dieser Schädel der Rest eines gar mächtigen fomoraigh den der Mann in seiner Jugend erschlagen hatte. Den Kopf noch ein Stück hebend beginnt der alte Cair Maar Cullogh die alten Verbündeten der Leute von Kil na Korr zu rufen.
Jene Wolfsmenschen die seit Urzeiten die fomoraigh bekriegen, und somit die Gebete der Leute des Kreises erfüllen. Sicher, sie fordern ebenso ihren Zoll, denn so mancher Greis, Landstreicher oder Jungspund verschwand in der weiten Nacht, so mancher Krieger viel unter ihren Krallen, und genau so oft gebiert eine der Frauen aus dem Dorf ein seltsam wildes Kind, oder stirbt in der Umarmung eines wilden Liebhabers. Nein, eben diese waren niemals ein friedfertiges Volk - seit jeher bringen sie den Krieg über die Horden aus Alpträumen.
Aber in dieser Nacht antworten sie nicht, und Cair Maar Cullogh ist besorgt. Die fomoraigh sind viel zu nahe, und die Krieger des Zirkels viel zu wenige.

Und dann beginnt das Heulen. Die Leuten jubeln, denn letztendlich sind die Wölfe gekommen. Elyr läuft es eisig kalt den Rücken herunter, denn das Heulen klingt krank und verzerrt, von Wahn zerrissen. Sie kennt das Wolfsvolk besser als die meisten anderen, und dieses Geheul klingt nicht richtig.

Als die geifer-triefende Horde sich von allen Seiten nähert heben die Leute von Kil na Korr ihre Speere, und ihre Stimmen. Die Mütter klammern sich an ihre Kinder während sie in Hütten und Ställen warten. Und selbst die Kinder werden still wie die Nacht dunkel als die fomoraigh sich nähern. Reiner Terror kennt keine Altersunterschiede, und nein, Babies sind nicht dumm.

Wo sind die Wölfe? Dieser Gedanke rast hämmernd durch die Gedanken der Krieger und der Mütter zugleich. Warum, warum haben sie nicht angegriffen?

Und dann tuen sie eben dieses.

Der Heulen schwillt an während Wolken sich bedrohlich vor den Mond schieben. Sich brennende Äste schnappend rennen die Krieger in die Nebel hinein, das Geheul mit ihren Kriegsrufen begrüßend. In den Kämpfen der Vergangenheit verschmolzen diese als Wolf und Mensch tief in die Reihen der fomoraigh trieben. Aber heute Nacht ist dieser Ton falsch, den das Geheul der Wölfe stimmt in das Gebrüll der düsteren Feindesschar mit ein. Und das Zetergeschrei hallt über die Männer von Kil na Korr hinweg.

Und dann beginnen die Schreie.

In ihren Verstecken hin und her rutschend können die Mütter nichts sehen. Aber die Geräusche des Schlachtens sind klar genug. Die Krieger stoßen Schreie aus die Kleinkindern, oder verwundeten Tieren gleichen als Fleisch reißt und Knochen splittern.
Und dann Stille. Lange, anhaltende Stille, bis letzten Endes eine junge Mutter sich zu spähen traut.

Krallen reißen tiefe Furchen in ihr Gesicht - sie hat nicht einmal mehr die Zeit zu schreien.

Dann sind die Wölfe unter ihnen, und das Geschlachte wird zu einem Spiel. Für die Leute des Kreises waren die Wölfe prächtige, riesige Menschenbestien mit schimmerndem Fell und wohlwollender Statur. Die Monster aber in die Überlebenden reißen sind dunkel, gebeugt - knurrende Verspottungen ihrer sonstigen Retter. Manche erheben sich auf zwei Beine, hoch wie eine Hütte, während andere auf allen Vieren umherspringen und ihre Opfer mit dolchgleichen Zähnen reißen.
Frauen und Kinder preschen auseinander, aber an Flucht ist nicht zu denken - die fomoraigh folgen diesen Wölfen in das Dorf, und alles wird zu Wahnsinn und Blut.

Diese kranken Werwölfe feier ihr Geschlachte. Dunkle Schemen legen sich Gürtel aus Eingeweiden ihrer Opfer an, und zieren sich mit abgetrennten Köpfen. Junge Körper werden dem Feuer übergeben, oder unter Zähnen zu Fetzen genagt. Das Schicksal der Eltern ist dunkler. Jene, die nicht im Kampf gefallen waren brauchen lange zum Sterben.

Als die Folterungen ein Ende finden beginnt die wahre Zerstörung. Hütten werden zertrümmert, Mauern eingerissen. Die Verwüster markieren die Ruinen mit stinkender Pisse und schänden die silberne Quelle. Die stehenden Steine umgeworfen, all ihre Zeichen zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Ein gigantischer Werwolf übergibt sich - grünes Baalsfeuer das die Bäume der Lichtung verzehrt. Unheilige Flammen lodern gen Himmel, gefolgt von dem Geheul der Eindringlinge.

Tiere werden in Teile gerissen oder bei lebendigem Leib verspeist während Werwölfe und fomoraigh im Licht des grünen Feuers herumtollen - so verrückt und angespornt das sie - begleitet von Gelächter das wie Schreie klingt - ihre eigenen Gesicht mit gezackten Krallen einreißen.

Der Anführer der Horde steht inmitten der Flammen, ein Geheul des Triumphes zum Mond erhebend. Häute von Menschen hängen von seinen Schultern, und blutige Schädel baumeln an seinem Gürtel. Dunkles Fell liegt über schuppiger Haut, und grünes Feuer brennt in seinem Kiefer. Einst hörte er auf den Namen Clonach der Weiße, aber etwas Dunkles hat sein Werk vollendet. Nun ist er Adagach von den Baalsfeuern, Verschlinger von Kindern - und er lacht, den er mag es so. Um ihn herum tanzen die einstigen Verteidiger des Zirkeln ihren abartigen, wilden Tanz, und trinken das Blut jener die sie einst behüteten.

Der Zirkel ist gebrochen, die Quelle geschändet. Kil na Korr liegt in Trümmern, und der Bund aus dem Anbeginn der Zeit ist nicht mehr.

Nicht weit entfernt sucht eine junge Frau vorsichtig ihren Weg durch die Wälder. Sie ist hoch-schwanger, und muss auf jeden Schritt achten - jede Wurzel kann ihr zum Verhängniss werden, jeder Ast nach ihren nackten Beinen greifen. Ihr Atem geht schwer in der kalten Luft, aber sie gibt keinen Laut von sich als sie ihre Heimat hinter sich lässt.
Es wächst ein Wolfs-Kind in ihrem Leib, und Elyr Ma Culloght will verdammt sein bevor sie zusieht das es dem Feuer übergeben wird.

Die Heuler sind gefallen.


erzählt von
Kriegsläufer
Adren der Fianna
geboren unter dem Ahrounmond






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